Porträt eines Multitasking-Handwerkers

Leben und arbeiten auf der Hallig.

Nommen Kruse lebt in vierter Generation auf der Hallig Nordstrandischmoor. Wer ihn nach seinem Beruf fragt, bekommt keine einfache Antwort. Kruse ist Wasserbauer und Küstenschützer, bewirtschaftet landwirtschaftliche Flächen und engagiert sich zudem im Tourismus. Auf einer Hallig gibt es keine klar gezogenen Grenzen zwischen den Aufgabenfeldern – hier ist man vieles zugleich. Langweile kennt Kruse nicht. „Es gibt immer etwas zu tun“, sagt er mit einem Lächeln.

Obwohl das Festland in Sichtweite liegt, ist Nordstrandischmoor ein eigener Kosmos. Das Leben wird vom Rhythmus der Nordsee bestimmt, von Wind, Tide und Wetter. Die Verbindung zum Festland führt über eine Lorenbahn – eine 600 Millimeter schmale Feldbahn, die seit über 90 Jahren zwischen der Hallig und Lüttmoorsiel verkehrt. 1934 wurde ein rund sechs Kilometer langer Steindamm aufgeschüttet, der die bis dahin nahezu isolierte Hallig an das Festland anschloss. Diese Bahn ist bis heute die Lebensader der mehr als 20 Einwohnerinnen und Einwohner.

Mit ihren vier Warften, einer Grund- und Hauptschule sowie einer Gastwirtschaft ist Nordstrandischmoor klein, aber lebendig. Doch die Anbindung ist verletzlich. Wenn Sturmfluten den Damm überfluten oder Eis ihn unpassierbar macht, sind die Halligbewohner auf sich allein gestellt. Bevorratung ist daher keine Option, sondern Notwendigkeit. „Grundsätzlich sollten wir vier bis sechs Wochen ohne Nachschub auskommen können“, erklärt Kruse. Lebensmittel, Baumaterialien, Heizöl – alles muss rechtzeitig bestellt, transportiert und eingelagert werden.

Bei Strom und Wasser fühlt man sich vergleichsweise sicher. Die Hallig dient als Transitstation für Leitungen unter anderem in Richtung Pellworm und liegt damit infrastrukturell günstiger als man vermuten könnte. Eine Gasversorgung gibt es allerdings nicht. Geheizt wird mit Öl, das in 200-Liter-Fässern per Lorenbahn geliefert wird, oder mit Holz und Pallets. Um unabhängiger zu werden, setzt Kruse auf erneuerbare Energien. Auf seinem Gebäude hat er eine 30-Kilowatt-Photovoltaikanlage installiert, ergänzt durch einen Batteriespeicher. Auch auf den anderen Warften spielt das Thema Eigenversorgung eine immer größere Rolle. Resilienz ist hier kein Schlagwort, sondern Überlebensstrategie.

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Kruse kennt die besonderen Herausforderungen des Halliglebens von Kindesbeinen an. „Planung ist alles“, sagt er. Dieser Satz zieht sich durch sein gesamtes Tun. Sein Wohnhaus und die 450 Quadratmeter große Lagerhalle plante er so, dass sämtliche Baumaterialien mit der Lorenbahn transportiert werden konnten. Jedes Bauteil musste in Größe und Gewicht passen. Zwar besteht theoretisch die Möglichkeit, Materialien per Spezialschiff anzulanden, doch die Kosten wären erheblich – und die Umsetzung stark wetterabhängig.

Immer wieder erlebt Kruse, wie Handwerker vom Festland an ihre Grenzen stoßen. Wer es gewohnt ist, kurz zum Transporter zu gehen oder schnell ein fehlendes Ersatzteil im nächsten Baumarkt zu besorgen, muss auf der Hallig umdenken. Ein vergessener Adapter, eine falsche Schraube oder ein fehlendes Werkzeug können Projekte verzögern. Spontaneität ist hier Luxus, vorausschauende Logistik dagegen Pflicht.

Für Nommen Kruse ist das kein Ärgernis, sondern Teil seiner Lebensrealität. Die Hallig verlangt Organisation, Weitblick und Improvisationsfähigkeit. Gleichzeitig schenkt sie Freiheit, Gemeinschaft und eine besondere Nähe zur Natur. Zwischen Wasserbau, Landwirtschaft und Energieversorgung lebt er ein Arbeitsleben, das so vielfältig ist wie die Landschaft selbst – und das zeigt, dass Multitasking auf einer Hallig keine Modeerscheinung, sondern Tradition ist.